Winter 2

Winter 2

Raus aus der Tür, rein in die Straßen, unter den Schuhen knirscht der Kiesel. Der Schnee von Gestern ist geschmolzen. Grau ein paar Gedanken sind wohl noch hier. »Erst in der Distanz entsteht die Intensität dessen, was ich erlebe.« (1)

Die rechte Gehirnhälfte geht spazieren, mal kurz die linke, dann wieder zurück. Langsam treibst Du durch die Stadt, Stift und Zettel in der Hand, die Band spielt Blues (2), »vor einem Zaun und dahinter ist alles kaputt« (3), Du suchst das Leben, »Alles, was mich abschreckt, verlockt mich zugleich« (4) und schaust dann weiter, »suchst die Einsamkeit im Rausch der Menschenmenge« (5), und schaust dann weiter, siehst, wie all die Tage, den Mann, der anders ist als die anderen, vor der Bäckerei (6), Du schaust dann weiter, Bumm-bumm Bumm-da-bumm geht der Bass, geht Dein Herz, die Hände klatschen auf die zwei und vier, da ist Glitzern (7) und grünes Licht (8), wirft »Schatten an einer Wand« (9) – im Park, im Garten, Du erinnerst die Pfade, im Dämmerlicht, orchestrale Bewegungen in Richtung Japan, nein nicht das Land, die Band, dahinter der Norden von..., sorry, wie heisst das Label nochmals? Europa zumindest. (10) (11) (12)

»Freier Samstag, den es noch nicht lange gibt, melancholische Gefühle nach dem Petting, das man schon am Nachmittag auf einer abgelegenen Parkbank oder verschwiegenen Wiese erledigt hat.« (Olaf Dante Marx) (13)

WINTER 2 sind elegisch kontemplative Betrachtungen auf treibend lakonischer Popmusik. Die Instrumentierung ist Bass, Keyboard, Gitarre und Drums, und die Musik zieht Bewegungen von Mitte der 1980er Jahre nach, dem Moment als Pop endgültig den Proberaum verliess. Alles wurde besser. Den Drumcomputer konnte man bei Tageslicht am Küchentisch programmieren, Texte in der Sonne vor der Eisdiele schreiben, die Musik im Toyota Starlet laut probehören und das Zusammenspiel auf der Bühne vor Publikum lernen. Raus aus dem Muff des unlüftbaren Kellers, die stehend feuchte Mischung aus umgefallenen Bierflaschen, überquellenden Aschenbechern und Beckensteinen von nebenan. Stattdessen ein Versprechen! Mitte der 1980er hiess das in Düsseldorf, Bielefeld oder Offenburg Hochschulpop und drängte aus irgendeinem Grund nach Hamburg. Der Versuch, aus den drei Akkorden und dem sperrigen Hochdeutsch eine andere, eine neue Popmusik zu erfinden. Genährt aus dem Songwriting, das zuvor aus Manchester und Glasgow über den Kanal schwappte, ein bisschen London auch; also Postpostpunk, also Newpop, also dessen leise Nachdenklichkeit auch, im Zweifel in Moll, also auch der Moment kurz bevor zum Ende der 1980er hin die Popmusik immer mehr zu swingen begann.

WINTER 2 geht an diesen Punkt zurück und spinnt diesen Faden neu, schaut, wohin man damit heute kommen könnte. WINTER 2 ist die Freude beim Wiederauffinden des verloren geglaubten Lieblingstapes. »It‘s a start.« (14)

Die Drums shufflen fliessend, der Bass twang!t, schiebt sich als melodieführendes Instrument nach vorne und umgarnt den Gesang, die Gitarre, die sich als rhythmische Begleiterin versteht, bricht hin und wieder in ein goldgelocktes Jubilieren aus, der Synthesizer legt melancholische Juno-Flächen dazwischen und malt hymnische Gegenfiguren zu seinen MitspielerInnen. Kein Schlieren, kein Dröhnen, die Produktion ist klar und transparent.

Wo das Grüne Leuchten im sechsten Titel schon so schön darauf hinweist, nehmen wir Eric Rohmer als Zeugen: wie er in seinen späteren Filmen Regie zu führen schien, mit leichter Hand nämlich und die Dialoge derart, dass sie die Frage aufwerfen, ob er sie geschrieben habe, oder ob sie von seinen – jugendlichen – Darstellern und Darstellerinnen im Augenblick erdacht worden seien, so durchweht auch WINTER 2 eine ähnlich spielerische Mühelosigkeit. Musik und Text vereinen sich in einem impressionistischen Unterfangen, ein wärmendes Licht tanzt verliebt auf der Oberfläche, und macht WINTER 2 zu unserer Sommerplatte.

☃☃

WINTER 2 wurde 2020 in Hamburg von Maximilian Wittwer und Christoph Romahn gegründet. Das Album unter selbem Namen auf ITALIC ist ihr Debut.

(1) Sinn der Absurdität
(2) Kaputt
(3) ebd.
(4) Meine Antwort
(5) Glanz der Passagen
(6) Er trifft die jungen Kerle
(7) vgl. (5)
(8) Das grüne Leuchten am Horizont
(9) vgl. (2)
(10) Im Garten der Pfade, das Stück, ...
(11) ... Italo Disco das Land ...
(12) ... und italic das Label. Natürlich! 
(13) Diederichsen, Hebdige, Marx (eds.): Schocker, Reinbek bei Hamburg, 1983
(14) ... sagt Maximilian Wittwer.

Credits
Text: Andreas Reihse
Fotos: Lea Franke

 

Winter 2 - S/T

Regular price €19,00
Format

All tracks written, recorded and produced by Maximilian Wittwer in Hamburg 2020/21. Design by Jan Lankisch. Photography by Maximilian Wittwer. Mixed by Kristian Kühl, Hamburg. Mastered by Mike Grinser, Berlin.