THE ITALIC CHAIR
Ein Stuhl ist ein Stuhl – ist kein Stuhl. Oder zumindest nicht nur. Einige Dinge in unserem Umfeld erleben eine Transformation: Aus bloßen Gebrauchsgegenständen werden Artefakte von biographischer Relevanz. Da ist zum Beispiel dieser Sessel, der einst trostlos neben dem Sperrmüll stand. Und das Regal, in unendlicher Prozedur zur Vollendung geschraubt. Das ist manchmal kitschig und schön, vor allem aber normal. Geschichten, die sich um Metall, Holz oder Plastik legen und Bedeutung verheißen.
Dabei fängt die Erzählung oft schon viel früher an, hat doch das meiste Inventar ein ganz eigenes Vorleben. Sie beginnt zumeist mit Menschen, die wir gar nicht kennen. In ihren Köpfen entstehen jene Konstruktionen, gewinnen an Form und, wenn handwerkliches Können vorhanden ist, sogar an Gestalt. Und eine dieser Erzählungen beginnt mit STEFAN SCHWANDER, bisher vertraut durch seinen musikalischen Output als ANTONELLI oder HARMONIOUS THELONIOUS. Ihm verdanken wir nicht nur viele respektable Tracks, sondern auch den Stuhl, um den es hier gehen soll. Sein Name: ITALIC CHAIR. Deshalb ist dieser Bericht einer, der von feierlichem Enthusiasmus handelt – mit exzellentem Ergebnis und dem erbrachten Exempel, dass ungewöhnliche Kombinationen mehr als möglich sind. Denn der ITALIC CHAIR kann sich nicht nur als ästhetisch-haptischer Brückenschlag zwischen Plattenlabel, Künstlertum und Möbelbau problemlos sehen lassen – er will sich auch als solcher verstanden wissen.
Das kommt natürlich nicht von ungefähr. Seit Jahren macht Schwander das, was in monogamen Konstellationen als verwerflich gilt, in sonstigen Angelegenheiten aber essentiell: mehrgleisig fahren. Studio auf der einen Seite, Werkstatt auf der anderen. So ist der ITALIC CHAIR in Düsseldorf entstanden, der nach fast dreijähriger konzeptueller Arbeit die Kinderstube zwischen Sägespänen, Leim und Öl verlassen hat, um seinen Dienst als geschmackvolles Sitzmöbel anzutreten und nebenbei das Prädikat „Einziger Label-Stuhl weit und breit“ tragen darf. Und trotz seiner bemerkenswerten Alleinstellung, vertritt der ITALIC CHAIR das Label ausgezeichnet – klassisch und futuristisch, schlicht und extravagant, minimalistisch und stilvoll, dabei selbstverständlich funktional. Ein gelungene Synthese, gefasst in Finnische Birke.
Echte Handarbeit, die mit scheinbar freischwebendem Plateau, ungestümer Formgebung und dunklem Kolorit eine kraftvolle, aber dezente Sprache spricht. Der ITALIC CHAIR ist Stefan Schwander, ist ITALIC und ist gleichsam eine Geschichte, die nach Fortschreibung in geschätzten Räumlichkeiten verlangt. Ein bisschen mehr von Schwanders immanenter Narration befindet sich übrigens als höchst erfreuliche Fußnote unter der Sitzfläche... und sie hat mit Musik zu tun.
Credits
Text: Carolin Weidner
Bild: Schiko