ITALIC recordings
20—20
Hendrik Krawen - Der angebrochene Tag

Hendrik Krawen - Der angebrochene Tag

Exhibition

7 June—15 July 2020
Opening: Sunday, 7 June, 12—6 pm
ITALIC, Leipziger Str. 61, 10117 Berlin

PRESS RELEASE (Please scroll down for German version)

DER ANBROCHENE TAG is Hendrik Krawen‘s second solo exhibition at ITALIC. The previous one, ICH SING‘ DIR EIN LIED, extended in 2017 from late summer to winter. Krawen had divided it into two sections: in the first he showed six individual works on one side of the room, in the following block the large-format oil painting „Gulf of Oman“ claimed the opposite, tiled wall for itself. Majestic. And lonely.

Now he is assembling 21 works that are dancing around the exhibition space. DER ANBROCHENE TAG has composed Krawen with such care that neither the care nor the composition is exhibited. A snap of the fingers! - you can still hear the clicking sound echoing in the room.

Hendrik Krawen sees himself as a painter. Even though many of his works have the appearance of graphics or drawings, they are still paintings. Krawen works with a steady hand, with brush and oil. Reduced compositions, insignificant motifs, pop music. Pictorial elements borrowed from printing technology, architecture and typography. Much in DER ANBROCHENE TAG is familiar. Urban motifs resembling silhouettes (Silhouette No. 5, 2004, Silhouette No. 11 .1, 2011), a single person in a thoughtful posture protected by strictly hatched parcels of willow (Zanz 5, 2011), the steaming soup bowl with kanji characters and the Chicago telephone number for a techno party (Musik, 1997), the angel crouching on the globe with horn and palm branch (halfway patched/ verse 5, 2011), the angel with horn and palm branch (halfway patched/ verse 5, 2011), the angel with horn and palm branch (halfway patched/ verse 5, 2011), and the steaming soup bowl with kanji characters and the Chicago telephone number for a techno party (Musik, 1997). II, 2020), the painting of green tiles placed far below (Stones (IV/2), 2018), which with its black and white diamond ornamentation seems to send a mysterious signal to the tiled wall opposite. In the middle of the latter is the Trompe-l‘œil Regina in Finsterwalde (2019), an expansive typeface over a cute lantern, which in turn looks over to the Edition Dezember (silkscreen, 2003), tumbling letters, spelling Antonelli, dialogue and a head birth of two people.

In DER ANBROCHENE TAG, Krawen also gives us other insights. The square in the centre of the left wall belongs to the painting „Marly and Richard“. A couple in a tidy scenario, a forbidden duel, an illustration from an 18th century chivalry novel. Pulled up, the grid torn open, flatly coloured in clear colours, her in a yellow tone, him in green, branches in brown - like a panel from a 1960s history comic: „I‘m doing Pop Art now,“ says Hendrik Krawen with a laugh, but the background is an exciting, cloudy painting - „and Readymades!“, he points to a piece of packaging material (o.T., 2013) and to an imageless picture carrier (Peter and Helga, 2020). But the two are not as imageless as they seem at first glance, because they are written on with writing and pasted and finally signed and framed by ties. Or framed and then signed, since the frame here not only distinguishes the work as such, but is itself part of it. Then photography: a pair (Sabine and Salva, 1982/2020) of postpunk, greyscales, 1980s, when people still knew how to stage themselves, copied in the NME, by British stylists, who in turn copied it in the continental film of the 1920s and then again in the 1960s, as in the second photographic work (Franz and Ewa, 2020), again a pair, and another staging, found, enlarged, edited, clear contours, perhaps actually a film still.

It‘s not about making new friends. Krawen uses techniques and strategies that he has followed and tested for a long time in painting. And of course, in every single work you see his eye, his hand, his intervention. That he took a piece of cardboard found on the street is no coincidence. He may not have been looking for it, but part of his decades of artistic practice is also looking more closely. And suddenly something looks back. And so this box found him. And he was not the only one. And perhaps they were all material at first, perhaps they were rehearsals, sections, exercises for a painting, until Hendrik Krawen looked again and knew: You are, and you are also - and selected - you are the work, and packed it and took it with him to exhibit it, to let it enter into dialogue with the other paintings, to let it immerse the room in a buzzing swing. And with a snap of his fingers! he set about the hanging.

GERMAN VERSION

DER ANGEBROCHENE TAG ist Hendrik Krawens zweite Einzelausstellung bei ITALIC. Die vorherige, ICH SING’ DIR EIN LIED, erstreckte sich im Jahr 2017 vom Spätsommer bis in den Winter hinein. Krawen hatte sie in zwei Abschnitte geteilt: im ersten zeigte er sechs einzelne Werke auf einer Seite des Raumes, im folgenden Block beanspruchte das großformatige Ölgemälde »Golf von Oman« die gegenüberliegende, gekachelte Wand für sich. Majestätisch. Und einsam. 

Nun versammelt er 21 Arbeiten, die im Rund durch den Ausstellungsort tänzeln. DER ANGEBROCHENE TAG hat Krawen mit solcher Sorgfalt komponiert, dass weder die Sorgfalt noch die Komposition ausgestellt ist. Ein Fingerschnippen!  – man hört das schnalzende Geräusch noch im Raum widerhallen. 

Hendrik Krawen versteht sich als Maler. Wenn auch viele seiner Arbeiten die Anmutung von Grafik oder Zeichnung haben, so sind sie doch Gemälde. Krawen arbeitet mit ruhiger Hand, mit Pinsel und Öl. Reduzierte Kompositionen, insignienhafte Motive, Popmusik. Aus Drucktechnik, Architektur und Typographie entlehnte Bildelemente. Vieles in DER ANGEBROCHENE TAG ist vertraut. Schattenrissgleiche urbane Motive (Silhouette Nr. 5, 2004, Silhouette Nr.11.1, 2011), eine einzelne Person in nachdenklicher Haltung behütet von streng schraffierten Parzellen einer Weide (Zanz 5, 2011), die dampfende Suppenschüssel mit Kanji-Schriftzeichen und der Chicagoer Telefonnummer zu einer Technoparty (Musik, 1997) der auf der Weltkugel hockende Engel mit Horn und Palmzweig (halbwegs geflickt/ Vers. II, 2020), das weit unten platzierte Gemälde grüner Fliesen (Steine (IV/2), 2018), das mit schwarzem und weissem Rauten-Ornament ein geheimnisvolles Signal zu senden scheint zur Kachelwand vis-a-vis. Mittig auf dieser das Trompe-l’œil Regina in Finsterwalde (2019), eine ausgreifende Schrift über possierlicher Laterne, die wiederum hinüberblickt zur Edition Dezember (Siebdruck, 2003), purzelnde Buchstaben, Antonelli buchstabierend, Dialog und Kopfgeburt zweier Personen.

In DER ANGEBROCHENE TAG gewährt Krawen uns aber auch andere Einblicke. Der Platz im Zentrum der linken Wand gehört dem Gemälde »Marly und Richard«. Ein Paar in aufgeräumtem Szenario, ein verbotenes Duell, eine Illustration aus einem Ritterroman aus dem 18. Jahrhundert. Hochgezogen, das Raster aufgerissen, flächig in klaren Farben koloriert, sie in einem Gelbton, er in Grün, Geäst in Braun – wie ein Panel aus einem Historiencomic der 1960er Jahre: »Ich mache jetzt Popart«, sagt Hendrik Krawen lachend, der Hintergrund aber ist eine aufregende, wolkige Malerei – »und Readymades!«, er weist auf ein Stück Verpackungsmaterial (o.T, 2013) und auf einen bildlosen Bildträger (Peter und Helga, 2020). Die beiden sind aber nicht so bildlos, wie sie auf den ersten Blick scheinen, weil beschrieben mit Schrift und beklebt und schliesslich von Krawen signiert und gerahmt. Oder gerahmt und dann signiert, da der Rahmen hier die Arbeit nicht nur als solche auszeichnet, sondern selbst Teil ist von ihr. Dann Fotografie: ein Paar (Sabine und Silva, 1982/2020) Postpunk, Graustufen, 1980er Jahre, als man noch wusste, sich selbst zu inszenieren, abgeguckt im NME, von britischen Stylisten, die das wiederum abgeguckt haben im kontinentalen Film der 1920er und dann wieder 1960er, wie auf der zweiten photographischen Arbeit (Franz und Ewa, 2020), erneut ein Paar, und eine weitere Inszenierung, gefunden, vergrößert, bearbeitet, klare Konturen, vielleicht tatsächlich ein Filmstill. 

Es geht nicht um ein Sichneuerfinden. Krawen benutzt Techniken und Strategien, die er in der Malerei verfolgt und lange erprobt hat. Und natürlich sieht man in jeder einzelnen Arbeit sein Auge, seine Hand, seinen Eingriff. Dass er ein auf der Straße gefundenes Kartonstück mitgenommen hat, ist kein Zufall. Er mag nicht danach gesucht haben, aber Teil seiner Jahrzehnte langen künstlerischen Praxis ist auch das Genauerhinschauen. Und plötzlich blickt etwas zurück. Und so fand dieser Karton ihn. Und er blieb nicht der einzige. Und vielleicht waren sie ja alle zuerst Material, vielleicht waren sie Proben, Abschnitte, Übungen für ein Gemälde, bis Hendrik Krawen dann nochmals hinsah und wusste: Du bist es, und Du auch – und auswählte – Ihr seid die Arbeit, und sie einpackte und mitnahm, um sie auszustellen, in Dialog treten zu lassen mit den anderen Bildern, dass sie den Raum in ein summendes Schwingen tauchen. Und mit einem Fingerschnippen! machte er sich an die Hängung.

Und was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Tag? Wir setzen ihn einfach fort. DER ANGEBROCHENE TAG ist der Abend in der Lieblingsbar. Eine gewachsene Situation, Vertrautheit: Neues und Liegengelassenes. Erinnerungsstücke, Anekdoten der Leichtigkeit – ein sich Wohlfühlenkönnen ohne in Melancholie, Beweihräucherung, Heiligsprechung einsteigen zu müssen. Man sitzt am Tresen, lässt die Augen wandern, sie werden nie müde, man schnappt ein paar Wortfetzen auf, »Wir sind hier nicht in St. Petersburg, Baby!« Aber wenn Dir danach wäre, kannst Du gerne einsteigen, tiefer einsteigen. Solltest Du sogar. Wenn es von sich behauptet, leicht zu sein, dann spricht daraus keine Gleichgültigkeit sondern eine reife Gelassenheit, die es Dir nur einfach machen möchte, einzusteigen: »Umarme mich!« und dabei weiss, dass es Dir der größte Schatz sein kann.

Text: Andreas Reihse

Hendrik Krawen, Der Angebrochene Tag, Installation view, 2020, ITALIC

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